Medienbildung Jetzt! Vier Forderungen an RotRotGrün

Berlin hat gewählt. SPD, Grüne und Linke befinden sich in Koalitionsverhandlungen. Die Initiative www.medienbildung-jetzt.de stellt vier Forderungen zur Medienbildung an die koalitionswilligen Parteien. Das Dokument im Wortlaut gibt es hier zum Download. „Medienbildung Jetzt“ wird getragen von der Berlin-Brandenburger Landesgruppe der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), der Landesarbeitsgemeinschaft Medienarbeit Berlin und der Freiwiliigen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

Bildungspolitische Forderungen

1. Grundbildung Medien für alle pädagogischen Fachkräfte verbindlich machen
Berliner Hoch- und Fachschulen, die pädagogische Fachkräfte ausbilden, stehen vor der Herausforderung und in der Verantwortung, Medienbildung curricular in den Studienplänen zu berücksichtigen.

Wir fordern
deshalb das Landesparlament als Gesetzgebungsorgan auf, zeitnah eine Novelle des Gesetzes „über die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer im Land Berlin“ zu verabschieden, die Medienbildung als weiteren Kompetenzbereich aufnimmt und zum prüfungsrelevanten Bestandteil der Lehrerinnen- und Lehrerprüfungen macht. Wir fordern darüber hinaus, nachhaltige Strukturen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung aller pädagogischen Fachkräfte in Berlin zu fördern und langfristig zu sichern.



2. Erziehende bei frühkindlicher Medienbildung unterstützen

Medien sind auch aus dem Alltag von Kitakindern nicht mehr wegzudenken – vor allem die mobilen Medien Tablet und Smartphone locken mit einer Fülle an Apps und digitalen Angeboten auch die Kleinsten. Der Umgang mit digitalen Medien prägt die kindliche Entwicklung. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder bereits in der Kita unterstützt werden, ihre Medienerlebnisse zu verarbeiten und an einen altersgerechten Medienumgang herangeführt werden. Hierzu brauchen wir Kitaerzieherinnen und -erzieher und auch Eltern, die in der Lage sind, medienbezogene Kompetenzen bei Kindern zu fördern. Im Berliner Bildungsprogramm der Kitas ist bereits im Bildungsbereich „Kommunikation: Sprachen, Schriftkultur und Medien“ festgeschrieben, dass es für pädagogische Fachkräfte wichtig ist, sich im Team zu verständigen, wie die Ausbildung von Medienkompetenz in die pädagogische Arbeit integriert wird (siehe BBP, S.101ff). Die Pädagoginnen und Pädagogen werden der Aufgabe, die Förderung in die pädagogische Arbeit zu integrieren, nur gerecht, wenn Sie in der Lage sind, die Faszination der Kinder in der Medienaneignung zu verstehen. Das ist eine Grundvoraussetzung, die Potenziale des kreativen Umgangs mit Medien in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Hierzu benötigen Pädagoginnen und Pädagogen medienpädagogisches Grundwissen und Informations- und Unterstützungsangebote.

Wir fordern
die strukturelle Verankerung der medienpädagogischen Angebote in den Kindertagesstätten, um die Förderung von Medienkompetenzvermittlung in Kindertagesstätten und Schulhorten voranzutreiben.

Wir fordern die bestehende medienpädagogische Aus- und Weiterbildung für pädagogische Fachkräfte in der Kindertagesbetreuung verbindlich zu setzen und die Medienkompetenz in Verknüpfung mit bestehenden Aufgaben (Umsetzung der Bildungspläne, Dokumentation usw.) zu fördern.

Um Multiplikationseffekte in der medienpädagogischen Elternarbeit zu erzielen benötigt es flächendeckende Unterstützungen für Eltern bei der Medienerziehung.



3. Medienbildung in der Schule implementieren

Die Institution Schule steht in der Verantwortung, die digitalen Medien im Unterrichtsgeschehen zu integrieren. Mit der Einführung des neuen Rahmenlehrplans zum Schuljahr 2017/18 wird auch die Berücksichtigung des „Basiscurriculums Medienbildung“ verbindlich. Damit ist ausdrücklich mehr als die Vermittlungsoptimierung des Unterrichts durch Medien gemeint. Um die umfassenden Ziele der Medienkompetenzvermittlung auch tatsächlich in den Schulalltag zu implementieren, bedarf es konkret formulierter Ziele und Standards.

Wir fordern
In der zweiten Phase der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung sowie in Fort- und Weiterbildungsangeboten ist Medienbildung in der Planung ab sofort schwerpunktmäßig zu berücksichtigen.

Das Unterstützungssystem für Schulen (BUSS) ist sowohl bezogen auf die schulinterne Umsetzung des Basiscurriculums Medienbildung als auch die fachliche Qualifizierung der schulischen Beraterinnen und Berater weiter auszubauen.

Dabei sollte dieses Unterstützungssystem mit außerschulischer medienpädagogischer Expertise vernetzt werden. Hierfür sind Finanzierungsmodelle zu entwickeln, um der Forderung im Teil A der neuen Rahmenlehrpläne für die Klassenstufen 1 bis 10, „für die Gestaltung schulinterner Curricula die Anregungen und Kooperationsangebote externer Partner zu nutzen“, zu entsprechen.



4. Außerschulische Medienbildung strukturell verankern

Neben der Förderung von Medienkompetenz durch handlungsorientierte Medienprojekte stellen heute die fachlich-inhaltliche Unterstützung von Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit sowie die Einbeziehung der Eltern weitere wichtige Schwerpunkte der Arbeit der Berliner Medieneinrichtungen dar. Die sich schnell entwickelnden Medientechnologien und neuen Netzdienste bedeuten laufend neue Herausforderungen und zeigen sich im gestiegenen Beratungsbedarf sowohl bei Eltern als auch Pädagoginnen und Pädagogen.

Der zunehmenden Bedeutung von Medienbildung steht in Berlin keine adäquate finanzielle und personelle Ausstattung der Medieneinrichtungen gegenüber. Die 5.000 Euro jährlich, die die bezirklichen Medienkompetenzzentren aus dem Programm Jugendnetz-Berlin erhalten, sind hier zu wenig. Programmmittel für landesweite Projekte wurden 2015 stark gekürzt.

Wir fordern
den Ausbau der Förderung der Medienkompetenzzentren und Medieneinrichtungen und die nachhaltige strukturelle Verankerung von Medienkompetenzförderung in den Bezirken. Eine Aufnahme ins Schulgesetz als außerschulischer Lernort entsprechend den Jugendkunstschulen schafft hier Verbindlichkeit. Wir regen zudem an, AGs zum Thema Medienbildung nach §78 in allen Bezirken zu gründen. Außerdem ist Medienbildung – bezogen auf das Berliner Gesetz zur Ausführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes – über die Ausführungen des § 15, Satz 2 hinaus grundsätzlich als Erziehungs- und Bildungsauftrag zu beschreiben.

Der fachliche Austausch zwischen den Einrichtungen der Medienbildung landesweit ist wichtig für die Qualität der medienpädagogischen Arbeit vor Ort. Dazu ist die Förderung von Fachtagungen, Praxistagen und Werkstätten ebenso notwendig wie die Bereitstellung von Mitteln für vernetzte berlinweite Kooperationsprojekte.

Gerade bildungsferne Zielgruppen benötigen die persönliche Ansprache vor Ort in ihrem direkten Umfeld. Mittel für mediengestützte Kinder- und Jugendbeteiligung müssen verstärkt in Beteiligungsprojekte vor Ort integriert werden und entsprechende Projekte finanziell und strukturell gefördert werden.



5. Zugang zu Bildung öffnen und Open Educational Resources fördern

In den letzten Jahren hält das Thema Open Educational Resources (OER) immer mehr Einzug in die deutschsprachige Bildungslandschaft und -politik. Besonders im Zusammenhang mit digitalen Medien und rechtlichen Aspekten in digitalen Umgebungen entstehen oft Unsicherheiten und neue Herausforderungen bei Lehrenden und Lernenden. Open Educational Resources können hierfür konkrete Lösungen sein, da das Kopieren, Verändern und Weitergeben explizit erlaubt wird. Dabei geht es bei OER um das Schaffen von Zugängen zu Bildung und freien Bildungsressourcen für alle Menschen.

Wir fordern
Bildungsressourcen, die mit öffentlichen Geldern bereits finanziert werden, offen zu lizenzieren. Lehrende und Lernende müssen bei ihrem Vorhaben, Open Educational Resources zu nutzen und selbst zur Verfügung zu stellen von der Politik und Verwaltung unterstützt werden. Wir fordern, das Thema OER auf allen Ebenen der Aus-, Fort- und Weiterbildung verpflichtend zu integrieren.



6. Partizipation in der Mediengesellschaft stärken

Freie Medien für mündige Bürgerinnen und Bürger gehören zur Demokratie. Nur über beteiligende Formen von Bürgermedienarbeit in Schule und außerschulischer Bildung wie in etablierten Medien mit offenen Formen journalistischer Arbeit und in neuen Formen von eDemocracy und netzdemokratischer Diskussionskultur kann eine echte Beteiligungsstruktur in Berlin vorangetrieben werden. Politische Beteiligung über Bürgermedien und ePartizipation sind  entscheidende Bausteine der Demokratie. Berlin aber hat als einziges Bundesland gemeinsam mit Brandenburg Bürgerrundfunk noch nicht im Medienstaatsvertrag beider Länder reguliert.

Wir fordern
die verstärkte Förderung mediengestützten bürgerschaftlichen Engagements,
bei der der komplementäre Aspekt der Medienkompetenzförderung im Rahmen eines Regulierungsverfahrens für Bürgermedien mit berücksichtigt wird.



7. Medienbildungsakteure vernetzen

Medienbildung und Medienkompetenz benötigen Kinder, Jugendliche und auch erwachsene Menschen gleichermaßen. Ein Austausch der verschiedenen Akteure – Vertreterinnen und Vertreter von Politik und Verwaltung, Forschung und Lehre, pädagogischer Praxis in- und außerhalb von Schule, der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) und weiterer zivilgesellschaftlicher Partner – ist daher dringend geboten.

Wir fordern
das Land Berlin auf, mit der mabb in Verhandlungen zu treten, um ein Berliner Aktionsbündnis Medienbildung unter Einbeziehung aller medienbildungsrelevanten Träger und Initiativen zu schaffen. Diese Instanz entwickelt ein ganzheitliches Landeskonzept zur Stärkung der Medienkompetenz, organisiert den regelmäßigen Fachaustausch, koordiniert und fördert die verstärkte Kooperation von Schule und außerschulischer medienpädagogischer Expertise, würdigt besondere Leistungen medienpädagogischer Akteure, macht den Steuerungsprozess transparent, führt ein Monitoring über die Umsetzung der in der Konzeption zu beschreibenden Maßnahmenbündel und berichtet einmal jährlich über die Fortschritte bei der Umsetzung der Landeskonzeption im Rahmen einer Fachtagung.